Stolpersteine und die Erinnerung wachhalten

Auch heute werden viele Hamburger eine Kerze an einen der vielen Stolpersteine stellen, um mahnend an die Reichspogromnacht 1938 zu erinnern. Das Datum, an dem jüdische Wohnungen und Läden geplündert und Synagogen in Brand gesetzt wurden. Dies fand nicht irgendwo statt, sondern auch in Hamburg, in unserer direkten Nachbarschaft.

Die Stolpersteine sind kleine Mahnmale, die uns Geschichten erzählen über die Menschen, die direkt an diesem Standort gelebt haben und durch die Nationalsozialisten vernichtet wurden. Auf dem Stolperstein selber stehen wenige Daten (Name, Geburtsjahr, Jahr und Ort der Deportation und Ermordung),, aber unter stolpersteine-hamburg.de, einer mobilen APP gibt es für sehr viele Stolpersteine ausführliche Biografien.

Ich habe die mobile Stolpersteine APP ausprobiert und damit wieder viel über Hamburgs Geschichte gelernt. Auch wenn so ein Stolperstein Rundgang nicht so leicht und locker ist wie andere Rundgänge, kann ich diese nur empfehlen und nehme Euch hier virtuell mit.

Rundgang zu den Stolpersteinen

Mein Startpunkt war direkt am Platz der Republik mit Blick zum Altonaer Rathaus am Denkmal „Black Form“, dass an die zerstörte jüdische Gemeinschaft Altonas erinnern soll. Genau dort habe ich die mobile APP gestartet, auf Suchen geklickt und die Umkreissuche für Stolpersteine aktiviert.

Sechs Standorte habe ich besucht und mir direkt Vorort die Biografien in der APP durch gelesen. Hier teile ich mit Euch diese in Kurzform und teilweise meine Eindrücke.

Marianne und Sophie Sterrn, Schillerstraße 13

Die zwei Schwestern stammten aus Altonaer und lebten hier gemeinsam bis 1934, zogen dann in ein paritätisches Wohnstift in der Thadenstraße und mussten 1939 im hohen Alter das Wohnstift verlassen, da die Hamburger Sozialbehörde anordnete, dass viele Wohnstifte zu „arisieren“ sind. Drei Jahre durften sie noch in Hamburg in einem anderen Wohnstift bleiben, bevor sie am 15. Juli mit 923 weiteren jüdischen Hamburgern/Hamburgerinnen nach Theresienstadt verschleppt und dort ermordet wurden.

Eduard Duckesz und Hanna De Lange, Biernatzkisstraße 14

Eduard Duckesz Biografie ist sehr interessant und mit Altonas Geschichte verbunden und auch heutzutage wird an ihn erinnert mit dem Eduard-Duckesz-Haus auf dem jüdischen Friedhof Altona. Er wurde mit 22 Jahren aus Ungarn nach Altona als Rabbiner der jüdischen Gemeinde Altonas berufen. War Krankenhausseelsorger und engagierte sich im 1. Weltkrieg in der Militär- und Gefangenfürsorge. Er war auch Forscher und Gelehrter und lebte mit seiner Frau und 5 Kindern in der Schillerstraße. 1938 emigrierte er in die Niederlande und wurde 1943 durch die deutschen Besatzer gefangen genommen und 1944 nach Auschwitz verschleppt und dort mit 75 Jahren ermordet.

Hanna De Lange war Eduard Duckesz Tochter und emigrierte 1939 in die Niederlande und heiratet dort einen Rabbiner. Auch die beiden Eheleute wurden durch die deutschen Besatzer 1943 verschleppt und nach einem Aufstand mit Massenflucht aus dem Lager Sobibor erfordertet worden, da ihre Flucht missglückte. Die anderen Kinder Duckesz, sowie Hannas Sohn konnten in andere Länder fliehen.

Frieda und Moritz Treuhold, Biernatzkisstraße 16

Frieda und Moritz Treuhold Stolperstein Biografie ist sehr kurz. Es wird erwähnt, dass Moritz eine Bäckerei in der Altonaer Altstadt hatte. Frieda und er 1908 Eltern eines Sohns wurden und ab 1931 in der Biernatzkistraße wohnten, bis sie am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Lina und Berta Leider, Schmarjestraße 6

Die Geschichte dieser beiden Stolpersteine waren für mich emotional mit am härtesten. Sie beginnt mit dem gefühllosen Satz „6. Dez. 41 Abwanderung“, der als Stempel in einem Dokument der Witwe und alleinerziehende Berta Leider steht. Sie und ihre 10-jährige Tochter Lina wurden an diesem Tag nach Riga verschleppt. Sie geriet 1940 in das Visier der Finanzbehörden, da sie als Jüdin das Haus in der Schmarjestraße besaß. Sie wurde gezwungen das Grundstück zu verkaufen und ihr Vermögen wurde nach ihrer Deportation durch das Deutsche Reich eingezogen. 08. November 1941 musste sie miterleben, wie ihre Verwandten nach Minsk deportiert wurden. Einen Monat später mussten sie und ihre Tochter sich auf der Moorweide vor dem Logenhaus einfinden und wurden vom Hannoverischen Bahnhof mit 753 weiteren jüdischen Hamburgern/Hamburgerinnen zum Ghetto Riga deportiert und dort ermordet.

Franz Lorenzen, Behnstraße 83

Franz Lorenzen soll geistig zurückgeblieben sein und wurde mit 15 Jahren als Patient in die damaligen Alsterdorfer Anstalten aufgenommen. Er besuchte seine Familie in Altona ab und an und fuhr dann selbstständig mit der Straßenbahn dorthin. Franz Lorenzen starb mit 57 Jahren vermutlich an mangelhafter Ernährung und medizinische Unterversorgung. Seine Stolpersteinbiografie hat sein Neffe geschrieben, was auch diesen Stolperstein zusätzlich für mich zu einer emotionalen Herausforderung machte.

Henny, Elias und Josef Karp, Große Bergstraße 250

Die letzten drei Stolpersteine auf meinem Rundgang geben nur das Preis, was auf ihnen steht. Es gibt (noch) keine erweiterte Biografie in der Stolperstein Datenbank. Nach ihrem Geburtsjahr war Henny vermutlich die Mutter von Elias und Josef. Henny und Elias wurden 1942 getrennt, deportiert und ermordet. Henny nach Theresienstadt. Elias nach Auschwitz. Josef Schicksal ist unbekannt.

Habt Ihr Euch schon einmal einen Stolperstein genauer angeschaut oder sogar einen Stolperstein Rundgang gemacht?